Sanfter Wind weht uns um die Nase, während wir andächtig auf das beruhigende Blau blicken. Die Sonne scheint angenehm auf uns herab und lediglich einige vorbeiziehende Vögel werfen für den Bruchteil von Sekunden ihren Schatten auf uns. Eine perfekte Kulisse, um ein paar Fotos zu schießen, die wir mit unseren Liebsten teilen. Erstmals erfolgt unsere Fortbewegung nicht mit unseren Fahrrädern, sondern mit einer Fähre, die uns unweit von Bremen über die Weser befördert. Während das friedvolle Schaukeln des Bootes eine angenehme Ruhe auf mich überträgt, denke ich an die Strecke, die schon hinter uns liegt.

Vorfreude

Als ich am Freitag das Fahrrad XXL-Büro in Frankfurt verlasse, überkommt mich eine ungeduldige Vorfreude. Am liebsten würde ich sofort losradeln und die neuen landschaftlichen Eindrücke in mich aufsaugen. Leider muss ich mich aber noch bis morgen gedulden.

Endlich geht es los: Die Radtour an die Nordsee

Gemeinsam mit meinem Kumpel Carl bestreite ich eine Fahrradtour von Pohlheim, nahe der Unistadt Giessen, nach Cuxhaven an der Nordsee. Es sind knapp 500 km. Carl bestreitet die Tour mit einem Fitnessbike von KTM und ich mit meinem Rennrad von Giant. Wir haben uns während des Studiums angefreundet und damals schon geplant, eine Mehrtagesradtour zu starten. Es vergingen vier Jahre.

Entlang einer alten Bahntrasse

Als wir uns Anfang April schließlich zu unserer ersten Etappe aufmachen, ist es bitterkalt. Dick eingepackt lassen wir Giessen hinter uns und begleiten für einige Kilometer den Verlauf der Lahn. Nach 30 km wenden wir uns von dem idyllischen Fluss ab, lassen Marburg rechts liegen und passieren anschließend kleine, urige Dörfer, in denen wir kaum eine Menschenseele antreffen.

Allmählich tauen unsere Hände und Füße auf, sodass wir unser Raderlebnis nun uneingeschränkt genießen können. Es fühlt sich ungemein gut an, mit stetigem Treten in Bewegung zu sein und die hügelige, waldreiche Landschaft auf sich wirken zu lassen. Vier Tage einfach abzuschalten und nichts weiter zu tun, als sich um den Streckenverlauf, die Verpflegung und um einen Schlafplatz zu kümmern.

Die Tour führt an einer alten Bahntrasse entlang

Nach kleinen unbekannten Ortschaften wird das Geläuf zunehmend bergiger. Wir sind im Sauerland und damit auf einem der schönsten Abschnitte unserer Tour angekommen. Ab Allendorf (Eder) folgen wir dem Radweg entlang des romantischen Linspherbachs und strampeln anschließend entlang einer alten Bahntrasse durch das verträumte Nuhnetal bergauf nach Winterberg. In dem beliebten Ferienort erreichen wir nach 100 Radkilometern den höchsten Punkt unserer Tour.

Nach einer kurzen Pause beginnt eine rasante Abfahrt, ehe wir erneut zwei knackige Anstiege unter unsere Räder nehmen. Abschnittsweise erinnert mich das Sauerland mit seinen Hügeln und dem dichten Baumbestand an meine Heimat, den Schwarzwald.

Allmählich spüren wir die Belastung schon recht ordentlich, der Nacken schmerzt unangenehm und die Oberschenkel brennen. Die Gespräche werden einsilbiger oder verstummen ganz.

165 Kilometer nachdem wir in Giessen aufgebrochen sind, haben wir es dann aber geschafft: Erschöpft und völlig zufrieden erreichen wir unser Hotel bei Geseke in Nordrhein-Westfalen – gerade noch rechtzeitig, denn urplötzlich beginnt es wie aus Kübeln zu gießen.

Besuch eines Fußballspiels

06.30 Uhr zeigt die Uhr auf meinem Fahrradtacho an, als wir das Hotel verlassen. Bis auf den Lichtkegel der Fahrradleuchte ist es stockdunkel. Ich checke meinen Körper und bin zufrieden mit seiner Verfassung. Und Carl? Top, bestätigt er.

Carl auf seinem Bike

Es rollt extrem gut. So lassen wir Geseke rasch hinter uns, passieren Lippstadt, einzelne freistehende Gehöfte und erreichen dann Rheda-Wiedenbrück. Komplett flach führt uns die Tour weiter durch kleine Ortschaften und Höfe nach Dissen am Teutoburger Wald. Dort füllen wir noch einmal unsere Radflaschen auf und machen uns zum “Endspurt” der Etappe auf.

Dieser beginnt mit einem langgezogenen Anstieg, der uns in das Osnabrücker Land führt. Die landschaftlich vielseitige Region begeistert uns mit historischen Burganlagen, Wind- und Wassermühlen und Baudenkmälern. Unser Weg schlängelt sich durch einzigartige Flussauen, Moränen- und Moorlandschaften, ehe wir wenig später an unserem Hotel in Osnabrück ankommen.

Es ist gerade einmal 12 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt könnten wir noch gut 4-6 Stunden weiter radeln. Warum beenden wir den Radtag also so früh? Grund dafür ist der Besuch eines Fußballspiels: VfL Osnabrück gegen Hansa Rostock. Ein brisantes Duell, bei dem es für die Osnabrücker um den Aufstieg in die Zweite und für die Hanseaten um den Verbleib in der Dritten Liga geht. Carl ist leidenschaftlicher Rostock-Fan.

So finde ich mich wenig später inmitten blau-weiß gekleideter Rostock-Anhängern wieder, die lautstark ihren Verein anfeuern. Es wird geschimpft, wild gestikuliert und im nächsten Moment mit bedingungsloser Inbrunst gesungen. Von Zeit zu Zeit fliegen Plastikbecher über unsere Köpfe hinweg  – sei es vor Wut oder vor Freude über den zwischenzeitlichen Ausgleich ihrer Mannschaft. Es ist ein krasses Kontrastprogramm zu unserem Raderlebnis am Vormittag. Eingenommen von der Dynamik und der ehrlichen Leidenschaft der Fans stehe ich in der Menge und verfolge gebannt das Geschehen um mich herum. Die Zeit vergeht wie im Flug. Und dann, kurz vor Spielende, fliegen erneut Plastikbecher – leider aus Unmut. Osnabrück erzielt den 2:1-Siegtreffer.    

Mit Fahrrad und Fähre

Wir fahren durch Osnabrücks Innenstadt, die wir noch tags zuvor, im Anschluss an das Fußballspiel, erkundet haben, und lassen wenig später das hektische Treiben hinter uns.

Kurz darauf biegen wir auf den Power Weg ab. Ein Lächeln umspielt meinen Mund. “Hey geil”, rufe ich Carl zu. “Power Weg, wenn das kein gutes Omen ist”. Carl grinst, sagt aber im nächsten Augenblick trocken: “Wahrscheinlich gibt’s eine Ortschaft, die Powe heißt. Mit Power wird das nix zu tun haben.” Na gut, dann halt nicht. Kurz darauf streifen wir Powe. Ja okay…

Unsere Stimmung ist klasse und wird lediglich von der frischen Temperatur etwas gedämpft. Wir haben bei der Planung unserer Tour einiges richtig gemacht, die mögliche Kälte Anfang April aber leider etwas unterschätzt.

Wie am gestrigen Tage fahren wir auch jetzt wieder durch kleine Ortschaften. Um genau zu sein: durch sehr kleine. Weitere Menschen? Fehlanzeige. Das ist aber alles andere als schlimm. So können wir getrost nebeneinander radeln und uns über dies und das unterhalten. Carl berichtet von seiner kürzlich erlebten Chile-Reise. Chile. Hmm, klingt gut. Im Geiste setze ich mir das Land auf meine Checkliste.

Wir fahren durch leicht hügeliges Land, ehe die Strecke kurz nach der Stadt Damme und der angrenzenden Dammer Schweiz weitestgehend flach wird. Recht unspektakulär führt die Tour anschließend weiter über Vechta nach Wildeshausen. Ab da begleiten wir auf einem breit ausgebauten Radweg die vielbefahrene Bundesstraße. Allgemein sind wir von dem Radwegeausbau in Niedersachsen begeistert. Selbst nebst wenig befahrenen Landstraßen verlaufen meist gute Radwege.

Bei Delmenhorst überschreiten wir die 100-Kilometermarke der heutigen Etappe. Wir beide haben unsere Wehwechen, aber allgemein kann man schon sagen: Es läuft ganz gut! So gelangen wir kurz darauf an die Weser und setzen mit der Fähre auf die andere Seite über.

Blick über die Weser

Die Fähre bringt uns über die Weser

Mittlerweile strahlt die Sonne angenehm auf uns herab und begleitet uns mit ihrem goldenen Schein auf den letzen Tageskilometern. Carl nutzt die perfekten Bedingungen und seine zweite oder dritte Luft des Tages, um an mir vorbei zu sprinten und noch einmal mit voller Kraft in die Pedale zu treten. Wo nimmt der Kerl nur seine Kraft her? Und da wird es mir bewusst: Das Omen mit dem Power Weg hat sich also doch bewahrheitet 🙂

Nach einigen Kilometern intensiver Führungsarbeit wird Carl dann doch wieder langsamer und so fahren wir gemütlich weiter. Wenig später erreichen wir Hagen im Bremischen, das nach 160 km schließlich unser Tagesziel bedeutet.

Am nördlichsten Punkt Niedersachsens

Wir fahren schweigend nebeneinander her. Zu sehr ist jeder mit sich selbst und der schneidenden Kälte beschäftigt. Auch am Morgen der letzten Etappe setzt uns die eisige Temperatur zu. Ich friere so heftig, dass ich mir sogar meine Softshell Jacke überziehe. Als vierte Lage. Meine Zehen spüre ich kaum noch. Wie schmerzlich (im wahrsten Sinne des Wortes) ich meine Überschuhe vermisse.

Nach einer Stunde erreichen wir Bremerhaven. Dort setzen wir uns an die Weser, frühstücken und saugen gierig die Sonnenstrahlen auf. Es ist eine ganz besondere Stimmung: In unserem Rücken tummeln sich die Autos des Berufsverkehrs und hier am Hafen nimmt uns eine beruhigende Stille ein. Eine leichte Brise weht uns um die Nase. Ich lasse den Blick über den Fluss schweifen. Wenige Kilometer weiter in Richtung Norden wird die Weser breiter und vereint sich mit der Nordsee. Das Meer. In dem Moment wird mir bewusst, wie nah wir unserem Ziel schon sind  – und welche Strecke schon hinter uns liegt.

Mit diesem Hochgefühl schwingen wir uns wieder auf die Räder und verlassen kurz darauf die große Hafenstadt. Es tut gut, nach dem geschäftigen Treiben wieder in ruhigeren Gefilden unterwegs zu sein. Der Weg führt nun geradewegs durch die Wurster Heide, eine eiszeitliche Moräne, die sich von Bremerhaven nach Cuxhaven erstreckt.

Am Ziel in Cuxhaven

Während wir uns durch die Heide fortbewegen, erwecken die Sonnenstrahlen allmählich unsere Lebensgeister und wir werden auf den letzten Kilometern unserer Tour wieder etwas schneller. Ein Schild zeigt an: Cuxhaven, 5 km. Eine stille Euphorie macht sich langsam in mir breit. Ohne es zu merken, erhöhen wir unsere Geschwindigkeit wieder ein wenig. Carl blickt kurz zu mir und lächelt.

Und schließlich taucht es auf: das Ortsschild von Cuxhaven. Wir bringen unsere Räder zum Stehen und klatschen uns ab. Nach 500 Kilometern und 1800 Höhenmetern haben wir es geschafft! Wir sind sind an unserem Ziel angekommen. Müde, aber sehr stolz und zufrieden.

Sightseeing

Anschließend haben wir drei Stunden Zeit für Sightseeing, bevor uns der Zug wieder nach Hause bringt. Deshalb fahren wir mit unseren Rädern zum Hafen und weiter zur sogenannten Kugelbake. Cuxhavens Wahrzeichen ist ein aus Holz errichtetes Seezeichen, das im Mittelalter erbaut wurde und Orientierungspunkt für die Schifffahrt ist. Neben dieser Funktion steht es außerdem für den nördlichsten Punkt Niedersachsens. Es ist beeindruckend!

Der nördlichste Punkt Niedersachsens: die Kugelbake in Cuxhaven

Dann ist unsere Zeit in Cuxhaven vorbei und wir steigen in den Zug. Während wir gemütlich aus der Nordseestadt rollen, überkommt mich eine angenehme Müdigkeit. Ich schließe die Augen. Ganz allmählich bahnen sich die Eindrücke der Tour vor mein geistiges Auge. Ich lächle. Es fühlt sich gerade einfach perfekt an.

Mit dem Fahrrad an die Nordsee
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