Jul 17

Ceramicspeed Driven – Konkurrenz für die Fahrradkette?

Bekommt die bewährte Fahrradkette beim Rennrad bald ernsthafte KonkurrenzAuf der Eurobike 2018 stellte ceramicspeed das neue Antriebskonzept Driven vor, das für staunende Blicke und den Gewinn des messeeigenen Awards sorgte. Doch wobei handelt es sich genau bei dem innovativen System, das ohne Kette auskommt? Und was sind die Vorteile dieses Antriebs?

Warum Driven interessant sein könnte 

Bevor wir Driven genauer vorstellen, wollen wir zunächst ein wenig Fahrrad-Physik betreiben und die damit einhergehenden Ansatzpunkte vorstellen, warum ein neues Antriebskonzept durchaus sinnvoll sein könnte. Wenn man sich herkömmliche Antriebssysteme anschaut, dann wird durch die vorliegende Konstruktion schnell klar, dass ein gewisser Kraftverlust unausweichlich ist. Wie kommt dieser zustande? Er entsteht zum einen durch die Reibung zwischen Kette und Kettenblättern, und zum anderen durch die Umlenkung der Kette durch die Schaltwerkröllchen und den Reibungswiderständen zwischen den Kettengliedern. So kann der effizienteste Kettenantrieb 98,08 % Kraftübertragung bei 500 Watt aufweisen. Dieser Wert wird durch den Dura-Ace-Antrieb von Shimano mit ceramicspeed Tretlager, Umlenkröllchen und UFO Racing Chain verwirklicht. An diesem Punkt kommt die dänische Firma ceramicspeed ins Spiel. Sie hat es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, einen Effizienzgrad von 99% zu erreichen. Betrachtet man das Optimum, so würden wir hier also lediglich von 1 % Kraftverlust sprechen. 

Was ist Driven? 

Wirft man einen Blick auf Hinterrad und Kurbel, dann fällt sofort auf: Die Kette fehlt. Anstelle dieser befindet sich eine Carbon-Antriebswelle. An beiden Enden davon befinden sich Kränze, die insgesamt 21 Keramik-Kugellager fassen, die in die Zahnräder an Kurbel und Hinterrad greifen. Dadurch wird der Reibungswiderstand der Kette durch die Gleitreibung der Kugellager ersetzt, was das Antriebssystem deutlich effizienter machen soll. Aktueller Wermutstropfen: In der momentanen Ausführung ist das Antriebskonzept nicht schaltfähig. 

Das System klingt plausibel und vielversprechend, doch bei aller verbesserten Effizienz stellt sich die Frage: Bleibt nicht zu viel Kraft auf der Strecke, wenn es sich nicht schalten lässt? Hier können wir Entwarnung geben, denn dabei soll nur das aktuelle System betroffen sein. Zukünftig sollen Gangwechsel durch die Veränderung des hinteren Kranzes ermöglicht werden. Theoretisch soll dabei ein Servo-Motor, der in die Antriebswelle integriert ist, den Kranz nach vorne bzw. nach hinten schieben. So soll die Ganganzahl nur durch die Länge der Antriebswelle und die Größe des Zahnrades am Hinterrad begrenzt sein.  

Werfen wir einen Blick auf das Übersetzungsverhältnis. Hier wird sofort klar: Driven kann mit rennradtypischen Kettenantrieben mithalten. Der vorgestellte Prototyp weist 13 Gänge und eine Bandbreite von 376 % auf. Damit ist die Übersetzung mit der eines Kettenantriebes mit 53/39 Kettenblättern und einer 11-28T Kassette vergleichbar. Außerdem soll die Gesamtübersetzung des Systems durch Austausch des hinteren Kranzes durch eine größere bzw. kleinere Variante vergrößert oder verkleinert werden können. So kann der Antrieb je nach Anwendungszweck oder Terrain an die speziellen Bedürfnisse angepasst werden. 

©ceramicspeed

Ist Driven etwas für die Zukunft? 

Dies ist aktuell schwierig zu beantworten. Führt man sich die nackten Zahlen vor Augen, würde man sagen: ja. Denn wie oben beschrieben, generiert das Antriebskonzept 49 % weniger Reibung als die Top-Schaltgruppe Dura Ace von Shimano – bei einem Effizienzgrad von 99 %, das die ohnehin schon sehr gute Kraftübertragung am Rennrad auf ein neues Niveau hebt.  

Freunde des Gewichtsparens dürften auch aufhorchen, da das Rennrad durch den Verzicht von Schaltwerk und Umwerfer natürlich leichter wird. Außerdem kann dadurch die Aerodynamik des Rades verbessert werden. 

Interessant wird sein, wie sich der Schaltvorgang in der Praxis darstellen wird. Hierbei scheint unabdingbar, dass man sich auf Elektronik am Rad einlassen muss. Aber mit elektronischen Features hat man mittlerweile ja sogar schon beim Rennrad Erfahrung. 

Bei allen genannten Vorteilen muss man sich im Klaren sein, dass es sich aktuell noch um eine Studie und kein komplett ausgereiftes Produkt handelt. Hierfür sucht ceramicspeed strategische Entwicklungspartner, die das geprüfte Konzept zur Marktreife bringen. Denn bisher gibt es das System lediglich in dem Prototypen P5 von Cervélo, das mit einer angehobenen Kettenstrebe für die Integration optimiert wurde. Eine Vermarktung in Eigenregie sieht das dänische Unternehmen nicht vor. Sollte sich ein Partner finden, könnte Driven bereits in den nächsten zwei Jahren auf dem Markt sein und eine interessante Alternative zum guten alten Kettenantrieb darstellen. 

©ceramicspeed

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Über den Autor

Fährt gerne: Road

Bikes: Focus Izalco Chrono Max 3.0, Giant TCR Advanced, Giant TCR Composite

Lieblings-Radrevier: Allgäu, Schwarzwald, Wetterau, Vogelsberg

1 Kommentar

  1. Nietzsche
    20. Februar 2019 at 20:29 · Antworten

    Wenn vorne nur ein Antriebsrad vorhanden ist, müssen die hinteren entsprechend größer sein, um den Schaltumfang zu gewährleisten; folglich steigt die anzutreibende Gesamtmasse des Fahrrades. Möglicherweise wurde hier die Gleitreibung verbessert, aber die Abnutzung an den Elementen, welche den Impuls zwischen den Blättern übertragen, wird wahrscheinlich hoch sein, denn hier wird der Impuls jeweils auf kurzen Distanzen um 90 Grad gelenkt, was natürlich kritisch ist. Wie reagiert dieses System auf Verschmutzung, die ja bei Kettenschaltungen eines der größten Probleme ist, das merkwürdigerweise seit Jahrzehnten von niemanden angegangen wird? Es ist sicher nicht nötig einen Motor zu verwenden, der den Schaltvorgang erledigt und eine Funkübertragung, die störanfällig sein wird, ist sicher ebenfalls nicht erforderlich.

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