Sep 05

Ciao Elterntaxi! Darum sollten Kinder selbständig zur Schule gehen

Nach den Sommerferien ist es für viele Kinder soweit – die Einschulung steht vor der Tür. Für Kinder und Eltern gleichermaßen ein aufregender neuer Lebensabschnitt. Ein großes Thema ist hierbei natürlich auch, wie die frisch gebackenen Schulkinder ihren Weg zur Schule bestreiten werden. In einer Zeit, in der der Verkehr in den Städten immer dichter wird, fällt es den Eltern sichtlich schwer, die eigenen Kinder alleine losziehen zu lassen. Viele Eltern bringen ihre Kleinen deshalb lieber selbst mit dem Auto zur Schule. Eigentlich gut gemeint, stellt das Phänomen „Elterntaxi” aber ein Problem für die Selbständigkeit der Kinder und die allgemeine Verkehrssituation vor und um den Schulen dar.

Zu Beginn der 70er Jahren gingen noch 92 % der 6- bis 7-jährigen Kinder in Deutschland alleine zur Schule, im Jahr 2000 waren es nur noch 52 %, 2018 schrumpfte der Anteil laut einer Forsa-Umfrage auf nur noch 43 %. Wie kann es sein, dass sich das Mobilitätsverhalten der Kinder über die Jahrzehnte in eine so passive Richtung entwickelt hat? Verkehrsexpertin Anna Gering von „Verkehr mit Köpfchen“ hat sich intensiv mit dem schulischen Mobilitätsmanagement für Grundschulen in Südhessen befasst und unter anderem auch Umfragen unter den Eltern verschiedener Grundschulen durchgeführt. “Tatsächlich ist es so, dass der Großteil der Kinder mit dem Elterntaxi zur Schule gebracht werden. Die Hauptgründe, warum Eltern ihre Kinder lieber mit dem Auto zur Schule bringen, war, dass sie den Schulweg als zu gefährlich und zu weit einstuften, um vom Kind eigenständig bewältigt zu werden.” Was hierbei oft vergessen wird, die Eltern beeinflussen durch ihr Bringverhalten selbst die Verkehrslage und stoßen so einen Circulus Vitiosus an, in dem sich Verkehrssicherheit und Elterntaxi gegenseitig bedingen. Mehr Elterntaxis heißt auch mehr Autos auf den Straßen, der motorisierte Verkehr nimmt zu und der Straßenverkehr wird gefährlicher, warum wiederum noch mehr Eltern sich bestätigt fühlen, ihr Kind mit dem Auto zur Schule zu bringen, usw. Im Gegenzug dazu könnte der Verzicht auf den motorisierten Bringservice zu einer Entspannung der Verkehrssituation beitragen. Anna Gering sieht vor allem auch das Problem der vielen Autos der Eltern vor den jeweiligen Schulen. “Widersprüchlich ist hier vor allem, dass die Eltern einerseits die unsichere Verkehrssituation bemängeln, aber selbst durch ihre Autos ungünstige Situationen vor den Schulen schaffen, da die ganzen Fahrzeuge ihr eigenes Kind und auch die anderen Kinder gefährden. Die Sichtachsen der Schüler werden so versperrt und die Verkehrslage wird durch nur kurz anhaltende Autos, meist auch mitten auf der Straße, insgesamt unübersichtlicher.“

Hindernisse wie parkende Autos können die Sichtachsen der Kinder behindern, hier ist besondere Vorsicht geboten!

Sich im Straßenverkehr sicher fortzubewegen ist etwas, das von klein auf gelernt werden muss. Schon vor der Einschulung sollte der Schulweg bestenfalls mehrmals gemeinsam mit dem Kind abgelaufen und so “trainiert” werden. Kurze Wege sind nicht immer die sichersten, kleine Umwege können die Strecke zur Schule vereinfachen. Gerade Kinder sind schnell abgelenkt und schätzen Gefahren noch nicht so gut ein. Außerdem machen Hindernisse den Schulweg oft zu einer Herausforderung für das Kind. “Am Ende der Umfrage mussten die Eltern auch immer noch den Schulweg auf einer Karte einzeichnen und vor allem auch hervorheben, wo sich Hindernisse und Gefahren verbergen, z.B. wo Mülltonnen den Gehweg versperren, wo parkende Autos die Sicht auf die Straße behindern, wo Grünwuchs nicht nachgeschnitten wurde oder wo auch Hunde bellen. Da Grundschüler manchmal Angst vor laut bellenden Hunden haben, kann dies für das Kind durchaus auch als Hindernis wahrgenommen werden.”

Für das schulische Mobilitätsmanagement ist es wichtig unterschiedliche Akteure miteinzubeziehen, wie z.B. Schulen, Polizei, Elternbeiräte, die Stadtverwaltung, um gemeinsam Lösungen für sichere Schulwege zu erarbeiten. “Zusammen haben wir einen Schulwegeplan aus den uns gegebenen Daten, u.a. durch die Elternumfragen, entwickelt, der straßenseitengenau gezeigt hat, wo die Kinder am besten lang gehen sollen. Und wenn wir etwas nicht direkt ändern konnten, haben wir ein Aufmerksamkeitssymbol eingetragen. Wenn z.B. die Sicht nicht gut war, haben wir vermerkt, dass die Kinder an der Stelle evtl. nicht so gut gesehen werden und besonders vorsichtig sein müssen, bevor sie die Straße überqueren.”

Der eigenständige Gang der Kinder zur Schule hat positive Auswirkungen auf die gesamte persönliche Entwicklung, auf das soziale Miteinander und die Selbständigkeit.

Kleine Hilfestellungen und Anreize können außerdem die eigenständige Mobilität von Kindern fördern. Einmal im Jahr findet beispielsweise die Aktion “Zu Fuss zur Schule” des VCD (Verkehrsclub Deutschland) statt, eine super Motivation, findet Anna Gering. „Bei dieser Aktion sammeln die Kinder Punkte, wenn sie selbstständig zur Schule gehen und können dadurch tolle Preise gewinnen. Das ist eine gute Sache, weil dann natürlich alle Kinder lieber Punkte und tolle Preise gewinnen wollen, als von ihren Eltern rumchauffiert zu werden.” Eine weitere sinnvolle Aktion ist der sogenannte “Walking bus”, Laufbusse, das sind Haltestellen und Treffpunkte entlang der Schulwege, wo sich die Kinder morgens treffen, um dann als Gruppe gemeinsam zur Schule zu gehen. “Da kann ein Elternteil mitgehen und begleiten oder die Kinder machen untereinander aus, wer die Gruppe zur Schule führt. Das kann zum Beispiel ein Viertklässler sein, der nun schon seit 3 Jahren den Schulweg kennt und somit den Erstklässlern zeigt, wie das geht und auf was sie achten müssen. Und so gehen die Kinder selbstständig zur Schule, aber eben ohne, dass sie alleine gehen müssen.”

Auf dem Land sind die täglichen Wege meistens etwas länger und die nächste Schule nicht unbedingt um die Ecke. Anzunehmen wäre deshalb, dass das Elterntaxi Phänomen dort um einiges ausgeprägter ist, als in den Städten. Die Realität sieht paradoxerweise anders aus. “Das nimmt sich tatsächlich nicht viel, in der Stadt werden Kinder genauso mit dem Auto gebracht wie auf dem Land. Das ist eigentlich verrückt, weil die Grundschulen gerade in der Stadt relativ weit verbreitet sind. Die Kinder müssen ja eigentlich nie weiter als 1,5 km zu Fuß gehen. Ab 2 km kriegen die Familien in Hessen sowieso den Fahrpreis für Öffentliche Verkehrsmittel zurückerstattet, und somit ist der Weg mit dem ÖPNV auch gratis. Tatsächlich gibt es keine großen Unterschiede, ob die Kinder nun auf dem Land oder in der Stadt wohnen, das Elterntaxi ist in beiden Sphären gleichermaßen verbreitet.”

Ständig mit dem Auto der Eltern gebracht zu werden, fördert passives Verhalten der Kinder und kann sich auch auf die Schulleistungen auswirken.

Eine kürzlich durchgeführte Studie der schwedischen Universität Karlstad hat bestätigt, dass das Elterntaxi inaktives und passives Verhalten der Kinder fördert und sich somit auch negativ auf die Konzentrationsfähigkeit und die Interaktion im Unterricht auswirkt. Auch Anna Gering sieht die selbständige Mobilität von Kindern klar im Vorteil gegenüber der “Generation Rücksitz”. “Wenn Kinder früh dazu erzogen werden, ihre Wege selbstständig zurückzulegen, haben sie einen viel besseren Orientierungssinn und wenn sie sich vor der Schule außerdem noch etwas bewegen und zu Fuß gehen, steigert das auch die Konzentration im Unterricht, weil sie schon mal an der frischen Luft waren und Bewegung und Austausch mit anderen Kindern hatten. Der eigenständige Gang der Kinder zur Schule hat eigentlich nur positive Auswirkungen, auf alles, auf die gesamte persönliche Entwicklung, auf das soziale Miteinander, auf den Orientierungssinn und die Selbstständigkeit.”

Die Kinder alleine mit dem Fahrrad zur Schule fahren zu lassen, empfiehlt die Verkehrsexpertin allerdings erst ab einem gewissen Alter. “Zu Beginn der Grundschulzeit sollten Kinder noch nicht alleine mit dem Rad zur Schule fahren, da für das Radfahren eine höhere Mobilitätsfähigkeit abverlangt wird. Wenn man sich sicher zu Fuß fortbewegen kann, heißt das noch nicht, dass man auch auf dem Rad sicher unterwegs ist. Ab dem Alter von 8 Jahren entwickeln sich beim Kind die kognitiven Fähigkeiten, um den Mehrfachanforderung der Fahrradmobilität im Straßenverkehr gewachsen zu sein. Das Gleichgewicht zu halten, Geschwindigkeiten und Entfernungen einzuschätzen, das Gehör im Straßenverkehr einzusetzen, einhändig Verkehrszeichen zu geben, das alles muss gut gelernt sein. Eltern sollten mit ihren Kindern diese Abläufe zusammen intensiv üben und die Fähigkeiten ihres Kindes auf dem Fahrrad realistisch einschätzen, bevor sie ihre Kleinen alleine auf dem Fahrrad losziehen lassen.”

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Über den Autor

Fährt gerne: Rennrad, Singlespeed, Lastenrad

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Lieblings-Radrevier: Frankfurt City, Odenwald

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