Okt 29

Die Straßen zurückerobern – Park(ing) Day 2018

Ein Perserteppich, Liegestühle und ein Tischkicker schmücken in der Frankfurter Töngesgasse die Flächen, auf denen normalerweise Autos stehen würden. Ein Lastenrad wurde zur mobilen Küche umfunktioniert und beschert den Passanten leckere Speisen. Die Stimmung ist ausgelassen und freudig. Es wird gelacht, gespielt, diskutiert und sich ausgetauscht. Zum dritten Mal findet der Parking Day dieses Jahr in Frankfurt statt und demonstriert, wie städtische Lebensqualität aussehen kann, wenn man auf ein paar Parkplätze verzichten würde. 

Es ist ein typischer Samstagnachmittag in der Frankfurter City. Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer quetschen sich durch die engen Innenstadtgassen. Die Töngesgasse ist eine der wenigen Fahrradstraßen in der Mainmetropole, wovon an diesem Samstag allerdings nicht viel zu sehen ist, denn die Autos schieben sich dort dicht an dicht voran, in der Hoffnung einen der heißbegehrten City-Parkplätze zu finden. Fahrradfahrer, die hier eigentlich Vorfahrt haben sollten, werden nur am Rande beachtet, oftmals abgedrängt. Hier einen Stellplatz zu ergattern, gestaltet sich heute jedoch als erfolgloses Unterfangen, denn die Parkplätze sind größtenteils belegt – nicht von Autos, sondern von Menschen. 

Am Informationsstand des ADFC tummeln sich viele interessierte Passanten und erproben ihr Wissen an einem Verkehrsregelquiz. Susanne Neumann, Pressesprecherin des ADFC Frankfurt ist sehr zufrieden mit dem bisherigen Verlauf des Aktionstages. „Der Parking Day findet jedes Jahr weltweit am dritten Freitag im September statt. Hier in Frankfurt sind wir dieses Jahr das dritte Mal dabei. Es sind viele Stände da mit unterschiedlichen Vertretern und der Aktionstag ist das erste Mal so richtig groß. Es wird dieses Jahr auch von den Passanten extrem gut angenommen, die Menschen haben Lust sich zu informieren und es hat sich im Laufe des Tages eine richtige Volksfeststimmung entwickelt, das finden wir richtig gut!” Die Idee des Parking Day selbst ist 2005 in San Francisco geboren worden, um auf den immensen Platzverbrauch aufmerksam zu machen, den ein parkendes Auto benötigt. „Ein durchschnittlicher Parkplatz hat die Fläche von ungefähr 12 m², das ist vergleichbar mit der Größe eines Standardkinderzimmers,” erläutert Susanne Neumann, „dort steht das Auto einfach den ganzen Tag herum, ohne bewegt zu werden, oder wenn überhaupt wird es höchstens eine Stunde am Tag gefahren. Wir wollen heute darauf aufmerksam machen, wie diese unbelebte Fläche anderweitig genutzt werden kann, in dem man Orte der Begegnung schafft, Leute zusammenbringt und gemeinsam Spaß hat. Es ist ein großer Verlust für die Städte, durch Parkplätze so viel tote Fläche im Stadtraum zu schaffen.”

Essen, spielen, unterhalten - der Parking Day bringt Menschen zusammen und das Leben zurück auf die Straße.

Die Anzahl der Autos zu reduzieren und Städte für Menschen zu schaffen, ist auch die Mission von Julia und Laura von Greenpeace Frankfurt. „Das könnte gelingen, wenn einfach mehr Menschen auf das Fahrrad und den ÖPNV umsteigen würden. Wir wollen hier ein Zeichen setzen und zum Nachdenken anregen”, erklärt Laura, „wir haben bis jetzt auch schon ein paar Flyer an die Autofahrer reingeben können. Ich denke, vor allem Autofahrer sollten mehr reflektieren und ihre Mobilitätsgewohnheiten hinterfragen. Für Greenpeace ist es außerdem sehr wichtig, die CO2 Emission zu reduzieren, denn ökologisch gesehen, sind diese stinkenden Autos eine Katastrophe und das wollen wir heute eben auch vor Augen führen.“  

Um zu veranschaulichen, wie viel Platz ein PKW tatsächlich im Stadtraum einnimmt, nutzen die Demonstranten das sogenannte „Gehzeug“. Hierbei handelt es sich um ein in Autogröße nachgebildetes Konstrukt aus Holz, welches sich auf die Schultern hängen lässt und dann gehend benutzt wird. Passanten und Autofahrer blicken erstaunt auf, als das außergewöhnliche Gebilde von zwei Aktivisten vor den Autos durch die Töngesgasse getragen wird. Nicht alle sind begeistert. „Mit dem Gehzeug haben wir eben etwas länger gebraucht aus- und einzusteigen, dann haben sich die Autofahrer gleich beschwert,“ berichtet Laura, „aber wenn man mit dem Auto mal länger braucht ein- und auszusteigen oder im Stau steht, dann regen sich die Leute viel weniger auf, als wenn Fußgänger, Fahrradfahrer oder die Öffis mal nicht so zügig unterwegs sind, wie sie sollen. Wir wollen heute zeigen, dass es eben auch anders geht.”

Das sogenannte Gehzeug veranschaulicht, wie viel Platz ein Auto tatsächlich im Straßenraum einnimmt.

Dass nicht alle angetan sind von der Parkplatzbesetzung, bekommt auch Jakob vom BUND Frankfurt zu spüren: „Ich habe gerade eben erst ein Streitgespräch mit einer älteren Dame geführt, die hier in der neuen Altstadt wohnt und die selbstverständlich ein Auto in ihrer Tiefgarage hat und die quasi nicht verstehen kann, wie man so etwas fördern könnte, weil man bräuchte einfach ein Auto.” Hat man einmal seine Mobilitätsgewohnheiten und Routinen mit dem Auto entwickelt, fällt es schwer, diese wieder loszulassen, weil man das Gefühl hat, man müsse kürzertreten oder zurückstecken. „Faktisch ist es aber so, dass man in Frankfurt oder anderen Großstädten auch sehr gut ohne Auto zurechtkommen kann”, erläutert Jakob, „denn mit dem Fahrrad ist man meistens sogar schneller als mit dem Auto, vor allem auch in der Kombination mit der Straßenbahn, U- oder S-Bahn.” Im Vergleich zu den anderen Verkehrsmitteln kommt das Fahrrad flächenmäßig immer noch viel zu kurz, denn der Radverkehr hat von allen Verkehrsteilnehmern flächenmäßig den wenigsten Platz. In Berlin stehen lediglich 3% aller öffentlichen Flächen ausschließlich den Fahrradfahrern zur Verfügung. Wenn man sich ständig den Platz mit anderen Verkehrsteilnehmern, wie z.B. Autos oder auch Fußgängern teilen muss, sind Konflikte zwangsläufig vorprogrammiert. „Als Fahrradfahrer sitzt man immer zwischen den Stühlen”, beklagt Jakob, „denn auf dem Gehweg darf man nicht fahren und auf der Straße ist man der schwächere Verkehrsteilnehmer und muss dann einstecken. Wenn es zu einem Unfall kommen sollte, sind die Autofahrer mit ihren Innenairbags fein raus, Außenairbags gibt es ja leider nicht.”

Während die vollgestopften und verpesteten Innenstädte nach umweltfreundlichen und platzeffizienten Mobilitätslösungen schreien, geht der Trend in Deutschland zu überdimensionierten, übermotorisierten und spritfressenden Groß-Pkws. Das sogenannte „Sport Utility Vehicle“ (SUV) erfreut sich großer Beliebtheit, die Zahl der Neuzulassungen in Deutschland haben sich 2017 gegenüber 2013 mehr als verdoppelt. Für einen normalen Stellplatz sind diese Monsterautos schlicht weg zu groß, was wiederum in der städtebaulichen Flächenverteilung Berücksichtigung finden muss, die Schweiz überlegt sogar die Straßen für diese neuen Automodelle flächendeckend zu verbreitern. „Der öffentliche Raum in den Städten ist per se schon sehr knapp und dass es dann überall noch Parkplätze für diese fetten Autos geben muss, die außerdem von der Stadt hoch subventioniert werden, ist eine immense Verschwendung,” prangert Jakob an. Statt in Parkplätze zu investieren, sollten Städte lieber das öffentliche Leben und die Wiederbelebung der Innenstädte fördern. „Dieser Restaurantbesitzer, vor dessen Laden wir unseren Stand aufgebaut haben, würde sich zum Beispiel freuen, wenn er die Fläche, die normalerweise für einen Parkplatz reserviert ist, für einen Außengastromiebereich nutzen könnte. Allerdings wäre das für ihn viel zu teuer, denn Parkplätze werden von der Stadt subventioniert, eine Sitzfläche für ein Restaurant, die den Stadtraum aufwerten würde, aber eben nicht.” Es wird oft angenommen, dass eine Reduktion des Autoverkehrs in den Städten, bspw. durch die Wegnahme von PKW-Stellplätzen, fatale Auswirkungen für den Einzelhandel mit sich bringt. Studien haben aber mittlerweile belegt, dass der wirtschaftliche Erfolg der Geschäfte nicht vom Parkplatzangebot abhängt. Ganz im Gegenteil, Radfahrer und Fußgänger sind oft treuere Kunden als Autofahrer, denn sie geben zwar pro Einkauf nicht so viel aus, kommen dafür aber frequentierter in die Geschäfte und lassen insgesamt sogar mehr Geld dort als ihre autofahrenden Mitbürger. 

Vor allem Kindern kommt diese wiedergewonnene Fläche im Stadtraum zugute.

In Zeiten von Dieselskandal und wachsendem Verkehrs- und Pendleraufkommenm in den Großstädten steigt aber auch die Nachfrage nach alternativen und entschleunigten Mobilitätsformen, die zeiteffizient, aber auch ein nachhaltiges und lebenswertes Miteinander in den Ballungsgebieten zulassen. Das zeigte jüngst das überwältigende Ergebnis des Bürgerbegehrens des Radentscheid Frankfurt. Alexander Breidt ist Mitinitiator dieser Bürgerinitiative für bessere Radinfrastruktur in der Mainmetropole und ebenfalls mit seiner Crew beim Parking Day dabei: „Wir haben 40.000 Unterschriften für den Radentscheid gesammelt, das ist sehr viel und hat uns gezeigt, dass dieses Thema hochaktuell und innerhalb der Bevölkerung der Bedarf und der Wunsch nach Veränderung vorhanden ist.” Nachdem das Wahlamt Ende Juni die erforderliche Anzahl gültiger Unterschriften bestätigte, prüft momentan das Rechtsamt die juristische Zulässigkeit des Begehrens. Darauf basierend wird der Magistrat eine Empfehlung an die Stadtverordnetenversammlung abgeben. Diese kann die Forderungen dann entweder 1:1 übernehmen oder eben ablehnen. Sollte es zu einer Zurückweisung der Forderungen kommen, werden die Frankfurter Bürger dazu aufgefordert im Rahmen eines Bürgerentscheids über die Forderungen abzustimmen. 

Auch wenn das Fahrrad natürlich im Fokus der Radentscheid-Initiative steht, betont Alexander Breidt, dass sich die Forderungen per se nicht gegen das Auto richten: „Wir machen mit dem Parking Day heute darauf aufmerksam, wie viel Platz für das Auto verloren geht. Der Radentscheid will aber natürlich das Auto nicht verbieten. Es geht uns viel mehr darum, die Vielfalt der Mobilitätsformen zu fördern. Deshalb sollten auch für andere Verkehrsmittel als das Auto eine adäquate und angemessene Infrastruktur vorhanden sein. Und dazu gehören eben baulich abgetrennte, breite Radwege, damit sich gerade auch Menschen, die unsicher auf dem Fahrrad sind, zutrauen in der belebten Innenstadt Fahrrad zu fahren. Es geht uns also um eine gleichberechtige Teilnahme aller Mobilitätsträger am Verkehrsgeschehen.” Dass eine sichere und gute Radinfrastruktur auch den Autofahrern zugutekommt, wird oft vergessen. Eine attraktive Infrastruktur für Radfahrer lockt mehr Menschen auf das Fahrrad, gleichzeitig entspannt sich der Autoverkehr und verringert sogar das Unfallrisiko, da sich durch eine klare Verkehrsführung und Flächenverteilung Autos und Radfahrer nicht mehr so häufig in die Quere kommen.

Führt man sich vor Augen, dass die ca. 46 Mio. Autos in Deutschland als sogenannter „liegender Verkehr” Stellflächen in der Größe von insgesamt ca. 84.000 Fußballfeldern einnehmen, wird deutlich, dass eine Reduktion des Autoverkehrs in Innenstädten durch Bepreisung von Parkraum und Sharingangeboten mehr als dringend erforderlich ist, um die ineffizienten Platzverschwendung von öffentlichem Raum einzudämmen. Aktionen wie der Park(ing) Day leisten hier einen wichtigen Beitrag zur Bewusstseinsförderung.

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Über den Autor

Fährt gerne: Rennrad, Singlespeed, Lastenrad

Bikes: Koga Miyata GranLux, Kondor Columbus 531, Urban Arrow Family

Lieblings-Radrevier: Frankfurt City, Odenwald

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