Mai 22

Stadt, Land, abgehängt!

Mobil sein in der Stadt ist heute auf unterschiedliche Art und Weise sehr einfach möglich, aber wie sieht das eigentlich fernab der Metropolregionen auf dem Land aus? Ein Kommentar! 

Alle reden von Mobilität in der Stadt, von der Smart City, die uns im digitalen Zeitalter ganz einfach via Smartphone unsere individuelle Mobilität steuern und nachhaltiger gestalten lässt. Wir sind der digitale Homo mobilitus, der multimodal zwischen Fahrrad, Auto, Bike-, Car- oder TaxiSharing, ÖPNV, usw. switchen kann. Intelligente Infrastruktur wird uns bald zeitgenau die Straßen erhellen, wenn wir nachts mit unserem Fahrrad eine Straßenlaterne passieren und unsere Apps informieren uns im Minutentakt über die nächste Bahnverbindung oder wo die nächste Sharing Möglichkeit greifbar ist. Monomobil war gestern, multimodal ist das Ding der Zukunft und scheint das Mobilitätsverhalten aktuell und hoffentlich auch weiterhin immer mehr zu revolutionieren.  

Soweit alles wunderbar, aber so vielseitig die Diskussion um Mobilität in den Städten geführt wird, so einseitig wird sie in gesamttopographischer Hinsicht auf die Bundesrepublik besprochen. Urban ist das Wort der Stunde – Urban Mobility, Urban Cycling, Urban Hubs, Urban hier und da. Selbstverständlich trifft das den Nerv der Zeit, denn bereits im Jahr 2020 werden mehr als 76 % der deutschen Bevölkerung in Städten wohnen. Wie solche Städte aber einmal aussehen werden, die jetzt schon aus allen Nähten platzen, ist fraglich. Ist das noch Lebensqualität oder schon Massenmenschhaltung? Was aber klar ist, ist der Umstand, dass immer noch Menschen ein Leben in ruhigeren Gefilden bevorzugen, sowie bezahlbare Mieten. In Deutschland wohnen ca. 15 % der Bevölkerung in Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern Nur weil ich mich entscheide auf dem Land zu leben, soll mir eine nachhaltige Fortbewegung verwehrt bleiben?  

Mein Leben lang habe ich in Städten gewohnt, hatte nie ein Auto, wozu auch? Nun lebe ich seit kurzem auf dem Land und mein Mobilitätsverhalten ist präsenter denn je im Alltag und stellt mich jeden Tag aufs Neue vor Herausforderungen. Denn hier scheint noch nicht viel angekommen zu sein von der Debatte um die Verkehrswende. Im Gegenteil, ganz schön mono läuft hier Mobilität immer noch ab. Jeder Haushalt besitzt mindestens zwei Autos. Fahrräder, ja klar, gibt es zu genüge, aber hauptsächlich für den Freizeitsport und weniger für die Alltagsmobilität. Aber mal ehrlich, man kann es auch keinem verübeln, denn all die Themen, die aktuell wild in der Öffentlichkeit diskutiert werden, tangieren nicht ansatzweise die Lebensrealität der Landbewohner. Gratis ÖPNV? Klingt super, wenn wir wenigstens einen gut getakteten Nahverkehr hätten! Die Vision von intelligenter Beleuchtung an Fuß- und Radwegen? Schön und gut, lasst uns erst einmal solche Wege bauen! Bis dahin können wir neben finsteren Landstraßen und auf geschotterten Feldwegen mit 1000 Lumen Kopflampen dahin kriechen. Car oder Bike Sharing? Noch nie was davon gesehen.  

Ein Auto habe ich mir bis heute nicht angeschafft. Seh‘ ich überhaupt nicht ein! Ein Lastenrad mit E-Antrieb kann auch so einiges leisten. Natürlich sind die Distanzen größer und man muss oft etwas mehr Zeit einplanen, aber es ist möglich. Noch realisierbarer und einfacher wäre es, wenn die entsprechende Infrastruktur dafür vorhanden wäre. Wenn der Nahverkehr alltagstauglich ausgebaut wäre, mit dicht getakteten Fahrzeiten, mit größerem Angebot an Stellplätzen für die Mitnahme des Fahrrads im Zug, mit Fahrradboxen an den Bahnhöfen, mit Radschnellwegen zur Anknüpfung der Fahrradpendler an die umliegenden Metropolregionen, mit Sharing-Angeboten usw. Der politische Aktionsradius und vor allem die öffentliche Debatte darf die ländlichen Regionen nicht vergessen!  

Natürlich ist die Belastung in den Städten durch das hohe Verkehrsaufkommen in Bezug auf den verfügbaren Lebensraum und die Luftqualität am größten und natürlich ist die Radinfrastruktur auch dort noch weit davon entfernt, eine sichere und komfortable Alternative für die Massenmobilität zu sein. Aber dort ist das Bewusstsein zumindest angekommen, dass sich etwas ändern muss. Eine Aufnahme in die allgemeine Debatte ist für die ländlichen Regionen absolut notwendig! Die Städte würden nur davon profitieren, denn es sind vor allem auch die tausend Pendler, die jeden Tag in die Metropolregionen drängen und die Straßen verstopfen. Wenn auf dem Land Alternativen geschaffen würden, könnte auch der Verkehr in den Städten um ein Vielfaches entlastet werden. Abgehängte ländliche Regionen, die nur auf den Verkehrsträger Auto angewiesen sind, werden langfristig immer unattraktiver und den Zuzug in die Städte und damit die Verknappung des Wohnraumes und die Mobilitätsproblematik weiter zuspitzen. Infrastruktur muss überzeugen, Alternativen bieten, variabel, komfortabel, kombinierbar und vor allem sicher sein. Das gilt für das urbane Leben genauso wie für das Leben in ländlichen Regionen. Oder kurz gefasst, wie es der Regierungsrat Dr. Hans-Peter Wessels der fahrradfreundlichen Stadt Basel einmal schön und prägnant formuliert hat: „Wir wollen unsere Bewohner nicht zum Radfahren zwingen, sondern mit unserer Infrastruktur dazu verführen!“ Genau in diesem Sinne sollte das Mobilitätsbedürfnis der Menschen bedient werden – und das überall! Denn nur dann kann die Verkehrswende tatsächlich gelingen!

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Über den Autor

Fährt gerne: Rennrad, Singlespeed, Lastenrad

Bikes: Koga Miyata GranLux, Kondor Columbus 531, Urban Arrow Family

Lieblings-Radrevier: Frankfurt City, Odenwald

5 Kommentare

  1. Jürgen Grad
    31. Mai 2018 at 13:15 · Antworten

    Hallo Sofia, du hast dich beim Vernetzungstreffen der Radaktivisten BW angemeldet. Leider haben wir keine Kontktdaten von Dir. Deshalb hier über diese Seite. Über deine Teilnahme freuen wir uns sehr und du bist herzlich eingeladen.

    Grüße
    Petra und Jürgen
    vom Bündnis Esslingen aufs Rad

    • Sofia González
      5. Juni 2018 at 08:59 · Antworten

      Liebe Petra, lieber Jürgen, es war ein spannendes Wochenende mit euch in Stuttgart und es hat mich sehr gefreut, euch kennengelernt zu haben! Viele Grüße, Sofia

  2. Gerhard Finster
    28. Mai 2018 at 10:23 · Antworten

    Danke für diesen Artikel. Du sprichst mir aus der Seele.
    Krankheitsbedingt musste ich mich vom Fahrrad verabschieden und war nun lange Zeit auf Auto und ÖPNV angewiesen.
    Nun besitze ich ein Pedelec und bin so wenigstens wieder im Umkreis von 15-20 km mobil und frei. Bisserl mehr Zeit einrechnen, dann passt das schon. Das Busse zur Stoßzeit keine Fahrräder mitnehmen kann ich verstehen, auch für einen Kinderwagen verzichte ich schon mal auf die Mitnahme. Was mich aber ärgert sind im Linienverkehr eingesetzte Reisebusse, da bleibst von vornherein außen vor.

    • Sofia González
      18. Juni 2018 at 09:02 · Antworten

      Hallo Gerhard, vielen Dank! Es freut mich, dass du durch das Pedelec wieder zurück zum Fahrrad gefunden hast und frei mobil sein kannst! Weiterhin viel Freude dabei und hoffentlich können wir auf dem Land bald von einer besseren Infrastruktur profitieren! Viele Grüße, Sofia

  3. Lastenradler
    23. Mai 2018 at 19:16 · Antworten

    Schöner Artikel!

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