Sep 24

Fahrrad statt Auto – 12 Fragen an einen Umsteiger

Kann man ohne Auto leben? Eine Frage, die sich die meisten wahrscheinlich nicht stellen werden, weil sie schon so mit ihren alltäglichen Mobilitätsmechanismen verwachsen sind, dass sie nicht wirklich darüber nachdenken. Gerade in der Großstadt ist ein Leben ohne das Automobil tatsächlich möglich und vor allem sinnvoll, da es Zeit, Geld und Raum spart und man sich mit unnötigen Ärgernissen wie Parkplatzsuche oder nervigen Reparaturen erst gar nicht  herumschlagen muss. Darius ist Business Manager bei unserem Onlineshop Fahrrad-XXL.de und hat sich vor ein paar Monaten von seinem Auto verabschiedet und stattdessen ein E-Bike zugelegt. Wie es ihm dabei ergangen ist und was genau für einen Umstieg vom Auto auf das Fahrrad beachtet werden sollte, verrät er uns in diesem Interview.

Darius hat sein Auto verkauft und sich stattdessen ein E-Bike angeschafft.

Hey Darius, dein Auto ist seit ein paar Monaten verkauft. Was hat dich zum Umstieg auf das E-Bike bewegt?  

Das Auto stand zu viel rum. 95 % der Zeit oder sechs Tage Minimum in der Woche wurde mein Auto nicht bewegt. Und jedes Mal, wenn ich mit dem Auto zur Arbeit gekommen und irgendwo im Stau stecken geblieben bin oder an einer Bahnschranke stand und für eine Strecke von nur 5 km fast 45 min zur Arbeit brauchte, hat mich das geärgert. Da ich im Vergleich mit dem Fahrrad für denselben Weg nur ca. 10 – 15 min brauchen würde, war die Entscheidung für mich schnell klar: Gebundenes Kapital, monatliche Fixkosten plus laufende Kosten, eine längere Anfahrt und die Parkplatzsuche auf der einen Seite und das Fahrrad auf der anderen Seite, mit dem man zum einen viel günstiger und vor allem auch viel flexibler unterwegs ist. Dieses Geld, was monatlich für das Auto drauf ging, war für mich dann viel sinnvoller und vor allem auch umweltfreundlicher und nachhaltiger in einem E-Bike angelegt. 

Wie bist du vorgegangen?  

Ich bin, trotz Auto, schon immer sehr viel Fahrrad gefahren, ob im Sport oder in der Freizeit. Das Problem beim Besitz eines Autos ist diese Bequemlichkeit, die einem das Auto stets garantiert, zum Beispiel, wenn es regnet oder die kälteren Jahreszeiten anbrechen. Einfach reinsitzen, losfahren und man erreicht sein Ziel ohne nass zu werden oder zu frieren. Wenn man auf einen anderen Mobilitätsträger umsteigt, muss dieser mindestens ähnliche Voraussetzungen in Bezug auf den Komfort mitbringen, um sich tatsächlich für einen Umstieg zu entscheiden. Deshalb habe ich zunächst eine Woche ein E-Bike getestet und dieses Testen hat mich auch darin bestätigt, dass für mich ein E-Bike durchaus ein geeigneter Ersatz für das Auto sein kann und gewissermaßen auch sein muss, vor allem, um nicht verschwitzt bei der Arbeit anzukommen. Ein normales Fahrrad hätte mir für den Arbeitsweg nicht genügt, denn natürlich kann man 5 km auch locker mit einem herkömmlichen Rad zurücklegen, aber verschwitzt bei der Arbeit anzukommen, ist unangenehm und war für mich keine Option.

Im Schnitt wird ein PKW pro Tag höchstens 1 Stunde bewegt. Die restlichen 23 Stunden besetzen sie den Straßenraum als sogenannten "liegenden Verkehr".

Worauf muss man achten?  

Normalerweise fährt man Fahrrad, wenn das Wetter gut ist. Auf das Auto greift man vor allem dann zurück, wenn es kalt wird, wenn es regnet, wenn es unbequem wird auf dem Fahrrad zu fahren. Deshalb muss man dafür sorgen, dass dieses unbequeme Gefühl nicht mehr da ist. Das heißt, du brauchst gute Regenkleidung und du brauchst warme Kleidung für den Fall, dass es kalt ist. Du brauchst Fahrradtaschen, damit du Dinge transportieren kannst und du deine ganz normalen Alltagsaufgaben bestreiten kannst, die du davor immer mit dem Auto erledigt hast, z.B. in Sport fahren, einkaufen oder Dinge transportieren. Für mich war es unglaublich wichtig, dass ich all das was ich zuvor mit dem Auto geschafft habe, auch mit dem E-Bike hinbekomme. Taschen, die man füllen kann und nicht am Rücken sitzen, weil das natürlich auch das Fahrgefühl beeinträchtigt und das Schwitzen fördert, sind absolut notwendig. Regenkleidung und Windbreaker sollten immer mit in den Fahrradtaschen dabei sind, dass man darauf bei sich ändernder Wetterlage zurückgreifen kann. Hier muss am Anfang etwas Geld investiert werden, um sich auch wirklich gute und taugliche Kleidung zuzulegen, aber das reicht auch schon aus, um all diese unangenehmen Situationen bewältigen zu können, bei denen man normalerweise ins Auto steigen würde.  

Wie leicht ist dir der Umstieg gefallen? Hat dich was genervt?  

Bis jetzt nicht ein einziges Mal. Die E-Bike Testwoche war sogar noch im Winter. Wir hatten Minusgrade und es war ziemlich kalt. Und selbst zu dieser Zeit morgens aufzustehen und zu wissen, dass man nicht ins warme Auto, sondern auf das Fahrrad steigen wird, war am Anfang zwar etwas gewöhnungsbedürftig, aber schon gleich wieder vergessen, sobald ich auf dem Fahrrad saß, die frische kalte Luft einatmete und dann auch noch super wach im Büro ankam. Das war auf jeden Fall so ein “Aha-Effekt”, denn normalerweise hätte ich mich halb verschlafen ins Auto gesetzt, Musik gehört, die Heizung aufgedreht und dann im Büro erst einmal ein, zwei Tassen Kaffee getrunken, um endlich richtig wach zu werden. Wenn du mit dem E-Bike zur Arbeit fährst, ist das komplette Gegenteil der Fall. Du kommst frisch auf der Arbeit an, warst schon mal an der frischen Luft und hast dich etwas körperlich betätigt. Das war auf jeden Fall in den ersten Wochen eine Erfahrung, die mir gutgetan und die Augen geöffnet hat. Ein anderes Erlebnis war zum Beispiel, wenn es mal geregnet hat. Denn im ersten Moment denkt man natürlich, es ist unbequem jetzt nass zu werden. Mit guter Regenkleidung fährst du durch den Regen und bleibst komplett trocken und genießt sogar den Regen, wenn er auf deiner Kleidung landet und mit etwas Musik in den Ohren macht das auch richtig Spaß. Man gewöhnt sich an diese Umstellung, natürlich muss man sich am Anfang etwas besser organisieren, vor allem, um dieses Bequemlichkeitsbedürfnis zu überwinden, das uns normalerweise dazu treiben würde ins Auto zu steigen.   

Fahrradtaschen mit genug Stauraum erhöhen die Flexibilität im Alltag.

Was wirst du auf keinen Fall an deinem Leben mit Auto vermissen?  

Ich freue mich jedes Mal, wenn ich an einer Tankstelle vorbeifahre, wo alle Autos in der Schlange stehen und man sieht, wie die Benzinpreise nach oben gehen. Das kümmert mich jetzt nicht mehr. Als Autofahrer ist der automatische Blick immer zur Preissäule einer Tankstelle, um herauszufinden, was aktuell das Benzin kostet. Und jetzt schaue ich zwar manchmal immer noch darauf, wahrscheinlich aus Gewohnheit, und denke aber, ach cool, ich fahre jetzt nach Hause und lade einfach dort meinen Akku auf. Ein Akkuladung geht nicht wirklich ins Geld und kostet in der Regel weniger als 10 Minuten Parken in einer Großstadt. Ebenso, wenn man aus dem Freundeskreis Dinge hört wie, “Meine Lambdasonde ist kaputt gegangen, ich muss in die Werkstatt zur Reparatur”, und man ganz genau weiß, was das an Zeit und vor allem auch Geld kostet und dass man dann auch erst einmal inmobil ist, weil man keine Alternative hat. Wenn bei mir etwas am Fahrrad kaputt geht, repariere ich das schnell selbst oder wenn es was größeres ist, sind die Teile über einen Fachhändler auch rasch bestellt. Man ist somit viel schneller wieder mobil und hat nicht diese Kosten. Man rechnet beim Auto ja auch nicht damit, dass etwas größeres kaputt geht, und beim Fahrrad sind selbst größere Reparaturen immer noch bezahlbar und vom Reparaturaufwand recht überschaubar.

Was machst du, wenn du mal längere Strecken zurücklegen musst oder etwas größeres transportieren möchtest?  

Die längste Strecke in Frankfurt ist vielleicht 10 bis 15 Kilometer lang und mit dem Fahrrad noch gut zu bewältigen. Bei längeren Strecken greife ich auf den Öffentlichen Nahverkehr, S-Bahn, Bus oder Tram zurück. Das ist in der Stadt überhaupt kein Problem. Das einzige was zu einer Herausforderung werden kann, ist der Transport von größeren Dingen. Früher habe ich darüber nicht wirklich nachgedacht, bin ins Auto gestiegen, zum Möbelhaus gefahren und in meinen Kleinwagen haben relativ viele, auch sperrige Dingen, reingepasst. Jetzt, ohne Auto, muss ich mich für so einen Fall einfach im Voraus organisieren. In meinem näheren Umfeld, Familie und Freunde, besitzen immer noch sehr viele ein Auto, die genau wie meins 95 % der Zeit nicht genutzt werden und rumstehen. Das war auch mit einer der Gründe, warum ich wusste, dass ich es nicht bereuen werde, mein Auto zu verkaufen. Denn im Falle eines größeren Transportvorhabens steht mir auf jeden Fall ein Auto zur Verfügung, auf das ich zurückgreifen kann. Und auch, wenn man so eine Option nicht im näheren Bekanntenkreis hat, gibt es immer noch Car-Sharing, über das man sich für so einen Fall ein Fahrzeug ausleihen kann.   

Mit der richtigen Regenkleidung ist das Radfahren selbst bei schlechtem Wetter kein Problem.

Wie waren die allgemeinen Reaktionen auf deinen Umstieg vom Auto aufs Fahrrad?   

Viele sind überrascht darüber, dass ich tatsächlich mein Auto für ein E-Bike verkauft habe. Viele kennen das E-Bike aber noch nicht als kompletten Autoersatz für den Alltag. Die meisten Reaktionen waren deshalb “Warum fährst du nicht ein normales Fahrrad?” Das Fahrrad ist ja auch weiterhin mein Sportgerät und in meiner Freizeit greife ich weiterhin auf meine normalen Fahrräder zurück. Das E-Bike dagegen ist der klare Ersatz für das Auto. Es geht hier also nicht um Fahrrad vs. E-Bike, sondern um E-Bike vs. Car. Das ist für viele das Argument, das sie nicht verstehen, dass das E-Bike wirklich eine Alternative zum Auto darstellt und in gar keiner Konkurrenz zum herkömmlichen Fahrrad steht. Fahrradfahren kann man natürlich weiterhin auch ohne E-Antrieb, aber in diesen bestimmten Lebenssituationen im Alltag, bei denen es darum geht, zügig voranzukommen und vor allem effizient und unabhängig mobil zu sein, ist das E-Bike auf jeden Fall bequemer und komfortabler. Die Reaktionen sind aber größtenteils recht positiv, keiner verurteilt mich, dass ich das Auto verkauft habe und für jeden ist es nachvollziehbar.    

Hat dein Verhalten auch Bekannte und Freunden animiert umzusteigen?   

Bis jetzt noch nicht, aber dadurch, dass ich jeden Tag mit dem E-Bike unterwegs bin, wollen dann natürlich auch alle Freunde immer eine Runde damit Probefahren. Und ausnahmslos jeder kommt dann mit einem strahlenden Gesicht zurückgefahren. Ich denke, dass das alleine schon mittelfristig einen Einfluss auf mein Umfeld haben kann. Weil alle meinen Umstieg miterleben und auch sehen, dass es ohne Probleme möglich ist. Jetzt geht es erst einmal darum das Bewusstsein zu schaffen, dass das E-Bike eine ernstzunehmende Alternative zum Auto ist und auch ein zukunftsweisender Mobilitätsträger, der viel verändern könnte in den Städten.

Was muss sich ändern, damit tatsächlich mehr Leute diesen Schritt wagen?  

Definitiv müssen die Straßen dafür ausgelegt sein, damit man auch sicher mit dem E-Bike und mit herkömmlichen Fahrrädern unterwegs sein kann. Wenn man jeden Tag mit dem Fahrrad fährt, merkt man erst, wie schlecht die Infrastruktur für Fahrradfahrende tatsächlich ist. Du kommst täglich in Situationen, wo dich Autofahrende auf der Straße abdrängen oder viel zu knapp überholen, wo Autos aus einer Einfahrt rausfahren und überhaupt nicht daran denken, dass Fahrradfahrende vorbeikommen könnten. Und dann kann man wiederum nachvollziehen, warum sich die Menschen nicht auf das Fahrrad trauen, die sich unsicher fühlen, weil man einfach auch so oft in bedrohliche Situationen kommt. Die Infrastruktur des Straßenverkehrs müsste auf jeden Fall viel mehr für Fahrradfahrende ausgelegt sein, damit sich mehr Leute auch tatsächlich für das Fahrrad und nicht für das Auto entscheiden.   

Eine sichere, sichtbare und einladende Infrastruktur könnte mehr Menschen zum Umsteigen aufs Fahrrad bewegen.

Welche Anreize könnte man seinen Angestellten als Arbeitgeber geben, das Fahrrad für den Arbeitsweg zu nutzen?   

Der Vorteil hier bei Fahrrad-XXL.de ist, dass wir die Fahrräder bei uns im Büro parken können, dass wir Lademöglichkeiten haben und dass auch eine Dusche vorhanden ist, für den Fall, dass ich doch einmal nass oder verschwitzt ankommen sollte. Optimalerweise sollte das auch jeder Arbeitgeber zur Verfügung stellen, dass man die Möglichkeit hat, sein Fahrrad sicher, am besten innerhalb des Gebäudes, abzustellen. Denn natürlich ist das ein ungutes Gefühl, wenn man in der Arbeit sitzt und ständig darum bangen muss, dass das 3.000 Euro Bike eventuell gestohlen werden könnte. Wichtig sind vor allem auch die Lademöglichkeiten, die jederzeit zugänglich sein sollten, dass man seinen Akku immer wieder aufladen kann, um so auch einen längeren Rückweg nach Hause sicherzustellen. Ebenso grundlegend sind Duschen und Umkleiden, um das Fahrradpendeln der eigenen Arbeitnehmer zu fördern und gerade auch für Pendler ohne E-Unterstützung, die eher mal verschwitzt ankommen.   

Wie sieht das aus, wenn du mal Kinder haben wirst? Reicht das Fahrrad für die Familienmobilität dann noch aus?   

Ich denke schon! Ein normales E-Bike wird hier aber nicht mehr ausreichen, sondern ich würde dann auf ein E-Lastenrad upgraden. Ich gehe davon aus, dass ich auch in Zukunft in Großstädten wie Frankfurt leben werde und für die Mobilität innerhalb der Großstadt steht es völlig außer Frage, dass das Auto dort völlig fehl am Platz ist. Das Lastenrad kann hier in Bezug auf die Familienmobilität eine echte Alternative zum Auto sein, um die Kinder zu befördern und um zusätzlich noch mehr zu befördern als es beispielweise zwei Gepäckträgertaschen zulassen. Man muss sich auch vor Augen führen, dass man immer die Möglichkeit hat, auf ein Auto zurückzugreifen. Es ist ja nicht so, dass die Autos plötzlich alle abgeschafft sind und keines mehr zur Verfügung steht, sondern du hast theoretisch immer die Möglichkeit, dir eines zu leihen, wenn man unbedingt eines benötigt. Unter dieser Voraussetzung muss man sich hier gar keine Gedanken machen.  

Was ist dein Tipp an alle, die noch mit dem Gedanken spielen, sich aber noch nicht ganz sicher sind, ob sie wirklich umsteigen wollen und können?  

Am besten erst einmal ein E-Bike für 1-2 Wochen ausleihen, um zu schauen, ob man damit klarkommt. Wenn man diesen Schritt dann gegangen ist, merkt man, wie einfach es tatsächlich ist, auf das Auto zu verzichten. 

Vielen Dank für diesen Einblick, Darius! 

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Über den Autor

Fährt gerne: Rennrad, Singlespeed, Lastenrad

Bikes: Koga Miyata GranLux, Kondor Columbus 531, Urban Arrow Family

Lieblings-Radrevier: Frankfurt City, Odenwald

3 Kommentare

  1. Kathrin Schabert
    25. Juli 2019 at 19:42 · Antworten

    Klasse! Wieder einer mehr, der seinen Arbeitsweg aktiv gestaltet!
    Ich selber fahre seit einem Jahr bei Wind und Wetter mit (auch einem!) E-Bike 15km einfach zur Arbeit und natürlich zurück. Meine Kollegen leiden unter meiner meist vorhandenen guter Laune 😉
    Hat jemand Erfahrung mit einem Wohnwagen für Fahrräder?

  2. Sven
    4. Januar 2019 at 18:28 · Antworten

    Daumen hoch, kann ich aus der gleichen Erfahrung heraus bestätigen. Das Schöne ist, sobald das Auto verkauft ist gibt es keine Ausreden mehr für sich selbst.

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