Nov 05

Babybauch und Fahrradfahren? Ja, bitte!

Schwanger sein und Radfahren? Das Baby auf dem Fahrrad mitnehmen? Darf man das? Diese Fragen stellen sich viele Schwangere und werdende Eltern, sobald sie den Weg in Richtung Familienplanung einschlagen. Nicht nur aus eigenem Interesse, sondern auch, weil aus dem Umfeld oft negative Reaktionen dazu auftreten: “Wie, du fährst mit deinem Babybauch noch mit dem Fahrrad, das ist doch gefährlich!” Unwissen schafft bekanntlich Unsicherheit, weshalb dieses Thema hohen Aufklärungsbedarf besitzt, denn Fahrradfahren in der Schwangerschaft ist gesund und praktisch, ebenso erleichtert das Fahrrad die Familienmobilität um ein Vielfaches. Wir sprechen heute mit zwei Expertinnen, die sich diesem Thema angenommen haben. 

Verkehrsexpertin Hannah Eberhardt gründete im Jahr 2017 das Verkehrsplanungsbüro Verkehr mit Köpfchen, das sich mit Fahrradmobilität, Mobilitätsmanagement und Verkehrsplanung beschäftigt. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Anna Gering rief sie 2015 das Projekt “Radfahren in der Schwangerschaft und mit Baby” ins Leben, das vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplanes gefördert wird. Mit ihrem Projekt klären sie gezielt Eltern und Hebammen über die vielen Vorteile des Fahrrads als Mobilitätsträger in der Schwangerschaft und im Familienleben auf und wollen dadurch das Thema in der Öffentlichkeit präsenter machen und vor allem mit Vorurteilen und Unsicherheiten aufräumen.

Liebe Hannah, liebe Anna! Schwangere auf dem Fahrrad gehören leider nicht zum klassischen Alltagsbild. Woran liegt das? Welche typischen Vorurteile und Hemmnisse gibt es häufig in Bezug auf Schwangerschaft und Radfahren? 

Anna Gering: Radfahren in der Schwangerschaft ist kein Problem, es gibt überhaupt keinen Grund in der Schwangerschaft darauf verzichten zu müssen. Eher das Gegenteil ist der Fall. Radfahren in der Schwangerschaft ist gesund, denn es schont die Gelenke, regt das Herz-Kreislauf-System an und entlastet den Beckenboden. Außerdem haben bewegungsaktive Schwangere während der Geburt meistens weniger Probleme als bewegungsfaule Schwangere. Also ruhig auf die innere Stimme hören: Wie geht’s meinem Körper, wie geht’s meinem Gleichgewicht? Ich fühle mich wohl dabei – dann kann ich das auch machen. Vor allem wenn der Bauch größer wird, sollte man darauf achten, dass man ein bequemes Fahrrad hat. Eine Art Hollandfahrrad mit einem tiefen Einstieg ist zum Beispiel sehr gut geeignet, damit man das Bein nicht so hochheben muss.

Hanna Eberhardt: Man muss aber nicht unbedingt ein neues Fahrrad kaufen, sondern kann auch einfach sein altes nehmen und ein paar Kleinigkeiten ändern, wie z.B. den Lenker, Vorbau und Sattel umstellen und dann geht das normalerweise auch. Für eine bequeme Sitzposition kann man den Sattel etwas nach vorne neigen und nach unten stellen, gleichzeitig den Lenker etwas erhöhen, so dass man eine aufrechte Sitzhaltung annimmt. Sollte das Radfahren wegen der Erschütterungen auf holperigen Straßen unangenehm für den Rücken oder den Bauch sein, so lässt sich bei den meisten Fahrradmodellen nachträglich eine Sattelfederung einbauen, die harte Stöße abfedert. Aus unserer Umfrage haben wir auch erfahren, dass viele schwangere Frauen eigentlich gerne weiter Fahrradfahren möchten, aber dann aus dem Familien- und Bekanntenkreis oder von völlig Fremden und Passanten, darauf hingewiesen werden, dass das in dieser Zeit doch viel zu gefährlich sei. Was prinzipiell nicht stimmt, es ist nicht gefährlicher als nicht schwanger Fahrrad zu fahren. Solche Aussagen führen natürlich zu Verunsicherung. Ziel unseres Projektes ist deshalb vor allem auch, den Frauen diese Unsicherheit zu nehmen. 

Rad fahren in der Schwangerschaft ist gesund, denn es schont die Gelenke, regt das Herz-Kreislauf-System an und entlastet den Beckenboden.

Ist Radfahren in der Schwangerschaft medizinisch unbedenklich? 

Anna Gering: Schwangere Frauen sollten sich nicht überanstrengen. Wenn Schwangere merken, das strengt sie total an, sollte auf jeden Fall eine Pause eingelegt, etwas getrunken und sich hingelegt werden. Und klar, Überanstrengung während der Schwangerschaft ist ungesund. Ansonsten ist Radfahren in der Schwangerschaft aber kein Problem. Prinzipiell könnte man bis zur Geburt Fahrradfahren, solange man sich dabei wohlfühlt. 

Hanna Eberhardt: Radfahren bei Schnee- und Eisglätte ist aufgrund der erhöhten Sturzgefahr ohne entsprechende Ausrüstung, wie z.B. Spikereifen, für niemanden empfehlenswert. Stürze können auch zu Komplikationen in der Schwangerschaft führen – da sollten man keine unnötigen Risiken eingehen.

Wie macht ihr das Thema präsenter in der Öffentlichkeit? 

Hannah Eberhardt: Im Jahr 2016 führten wir z.B. eine große Befragung unter Schwangeren und unter Eltern durch und haben damit ca. 650 Leute erreicht. Wir wollten herausfinden, was die Hemmnisse und Bedürfnisse von Schwangeren und Eltern mit Kind sind und was sie brauchen, damit sie wieder Fahrradfahren oder das Fahrrad noch mehr nutzen. Zurzeit machen wir die Ergebnisse dieser Umfragen bekannt und haben einen Flyer und eine Broschüre entworfen.

Anna Gering: Wir nutzen auch Hebammen als Multiplikatorinnen, da diese ja oft die ersten Ansprechpartnerinnen von Schwangeren sind. Wir haben 2016 auch eine Umfrage unter Hebammen durchgeführt, um zu erfahren, ob Eltern überhaupt an dem Thema interessiert sind. Dabei ist herausgekommen, dass Eltern hierzu durchaus Fragen stellen und dieses Thema auch immer mehr aufkommt in den letzten Jahren. Deshalb haben wir im März 2017 dank einer Förderung durch das Verkehrsministerium Baden-Württemberg Testschulungen für Hebammen anbieten können, um zu zeigen, wie man mit Baby Fahrrad fahren kann und was man während der Schwangerschaft beachten muss. Dieses Jahr bieten wir sogar in ganz Deutschland Hebammenworkshops an.

Durch einen Babyeinsatz können schon die ganz Kleinen im Lastenrad mitfahren. © Verkehr mit Köpfchen

Das Baby ist ja dann auch irgendwann auf der Welt. Wie ist Fahrradmobilität mit Baby möglich?  

Hannah Eberhardt: Grundsätzlich gibt es die Möglichkeit das Baby im Fahrradanhänger mitzunehmen, aber es gibt auch Lastenräder, die dafür geeignet sind. Der Anhänger ist eigentlich die klassische Mitnahmeoption und gibt es als Ein- oder Zweisitzermodelle. Selbst die ganz Kleinen können hier durch den Einbau eines Babyeinsatzes bereits mitfahren. In diesen Hängematten oder Babyeinsätzen liegen die Babys und werden festgeschnallt. Wichtig zu wissen ist außerdem, dass Babys noch keinen Helm aufsetzen können, weil sie sonst total schief liegen würden und der Kopf nach vorne geneigt wäre. Der Helm kann erst getragen werden, wenn das Kind sitzen kann und man den Babyeinsatz nicht mehr benötigt. Im Lastenrad ist der Babytransport ebenfalls bei einigen Modellen möglich. Es gibt ein paar Lastenräder, die extra für den Baby- und Kleinkindtransport konzipiert sind, aber viele werden natürlich auch immer noch vorrangig für den Lastentransport entworfen. Bei letzteren Modellen benötigt man dann spezielle Einsätze für die Kinder. Manche Lastenräder sind auch nicht für den Babytransport geeignet, da sollte man sich natürlich vor dem Kauf intensiv erkundigen. Bei Lastenfahrrädern ist die Lösung meistens die, dass eine Babyschale, die eigentlich auch für das Auto geeignet ist, mit Hilfe eines Adapters im Lastenrad fest installiert werden kann.  

Ab wann könnte ich das Baby mit dem Fahrrad mitnehmen, direkt nach der Geburt?  

Hanna Eberhardt: Wir empfehlen, sich immer an die Herstellerangaben zu halten, diese sind sehr unterschiedlich. Manche raten erst ab einem Jahr, dann kann das Kind auch schon sitzen und andere Hersteller empfehlen bereits ab einem oder ab drei Monaten. Unabhängig von diesen Angaben, sollte hier selbstverständlich auch die individuelle Entwicklung des Kindes beachtet werden.  

Wie lassen sich die täglichen Alltagsaufgaben mit Fahrrad und Kind bewältigen, wie z.B. einkaufen? 

Hannah Eberhardt: Sowohl Anhänger als auch Lastenrad bieten genug Stauraum. Im Anhänger ist z.B. hinten noch eine Art Kofferraum vorhanden, wo einiges reinpasst. Viele Lastenräder sind bis zu 100 kg zu ladbar und können auch mit Elektrounterstützung bestellt werden. Wer in einem hügeligeren Gebiet wohnt oder täglich weitere Strecken zurücklegt, ist selbst dort mit dem Fahrrad mobil. Direkt nach der Geburt ändert sich ja das Mobilitätsverhalten total, gerade bei den Frauen. Sie sind viel mehr zuhause und haben oft ganz kurze Wege und legen nicht mehr die Strecken zurück, die sie vor der Geburt zurückgelegt haben. Für sie ändert sich quasi der komplette Alltag und sie müssen Mobilität oft wieder ganz neu denken. Deshalb ist es hilfreich, wenn man sich auch schon vor der Geburt bereits damit beschäftigt, wie man nach der Geburt unterwegs sein möchte und schon vor der Geburt nach einem Fahrradanhänger oder einem Lastenrad Ausschau hält. Weil ist das Baby dann erst mal da, hat man oft anderes im Kopf.

Ein Fahrradanhänger bietet genug Platz für den Nachwuchs und die Einkäufe.

Wie ist das mit der Sicherheit und den Gesundheitsrisiken, z.B. liegt der Fahrradanhänger ja ungefähr auf der Höhe des Auspuffs eines Autos? 

Hannah Eberhardt: Wir haben dazu leider keine Studien vorliegen. Aber die Belastung innerhalb des Autos ist ja auch relativ hoch, gerade durch die Klimaanlage werden die Abgase eingesogen. Natürlich wäre es schöner, wenn das Kind etwas erhöhter sitzen würde. Aber durch den niedrigen Schwerpunkt hat der Anhänger einen Sicherheitsvorteil, denn er kippt nicht so leicht um. Und wenn er doch einmal umkippen sollte, hat er einen Überrollbügel. Deshalb kann dem Kind da eigentlich kaum etwas passieren.  

Wo seht ihr generell die Problematik, warum das Fahrrad noch nicht so umfangreich in die Familienmobilität integriert ist?  

Hannah Eberhardt: Es herrscht ganz klar ein Informationsmangel, denn viele wissen gar nicht, ob und wie sie ihr Baby überhaupt mit dem Fahrrad mitnehmen dürfen und können. Dieses große Informationsdefizit hat sich auch in unseren Umfragen herauskristallisiert. Das ist auch der Grund, warum wir diese Broschüre und den Flyer erstellt haben, um dem entgegenzuwirken. Außerdem ist natürlich auch sehr wichtig, welche Mobilität mein Umfeld vorlebt, gerade im ländlichen Raum gibt es in Bezug auf die Fahrradmobilität im Alltag eher weniger Vorbilder. Aber das wäre wichtig, dass man sieht, wie es auch anders gehen kann.  

Anna Gering: Allen die sich unsicher sind, raten wir – einfach mal ausprobieren! Wir bieten z.B. auch das „Probelradeln“ an. Hier können sich Eltern einen Anhänger oder Lastenrad ausleihen und testen. Das trägt oft zu einem Aha-Effekt bei und zeigt, wie einfach und praktisch Fahrradmobilität eigentlich ist. Wichtig ist auch, sich einfach mal die Kosten und den Nutzen gegenüberzustellen. Wenn ich mir ein Anhänger gleich nach der Geburt des Kindes kaufe, hat der eine sehr lange Haltbarkeit und wenn ich ihn auch noch als Kinderwagen nutze, kann ich zusätzlich die Kosten dafür sparen. Außerdem kann man den Anhänger zum Beispiel auch verwenden, wenn die Kinder eigentlich schon zu groß sind, z.B. dann als Transportanhänger für Lasten. Beim Lastenrad ist es genauso, wenn das Kind einmal rausgewachsen ist, kann ich ja trotzdem damit einkaufen gehen, was dann wiederum die Anschaffungskosten relativiert. Und dann ist es natürlich auch sehr wichtig, dass die Infrastruktur passt, damit sich die Menschen sicher auf dem Fahrrad fühlen, vor allem, wenn sie ihre Kinder dabeihaben, weil das ja für alle Eltern das wichtigste Gut ist, was sie haben und was sie auf gar keinen Fall irgendeiner Gefahr aussetzen wollen.

Sind die Kinder für den Transport im Fahrrad zu groß, kann das Lastenrad trotzdem weiter verwendet werden, z.B. für den Einkauf.

Was muss sich ändern, dass mehr Familien auf das Rad umsteigen?  

Hannah Eberhardt: Ich finde, das Fahrrad braucht einfach mehr Platz im öffentlichen Straßenraum. Das ist für mich relativ egal, ob das getrennte Radwege oder gemischte Radwege sind, das ist ja gerade eine aktuelle Diskussion. Aber sobald das Fahrrad Platz im Straßenraum hat, werden auch viel mehr Leute das Fahrrad nutzen. 

Anna Gering: Es braucht politischen Mut, um eine fahrradgerechte Infrastruktur zu schaffen und einfach mal Parkplätze wegzunehmen, auch wenn es sehr viel Gegenwind geben wird. Aber gemeinsam mit Bürgerbeteiligung und dem politischen Mut könnte man hier sehr erfolgreich sein. Und einfach auch die Änderung in den Köpfen jedes Einzelnen, dass man merkt, ach es ist ja doch ganz einfach und macht auch Spaß und tut mir gut. Ich war erst vor kurzem in Kopenhagen und der Fahrrad-Boom dort, wird ja auch hier in Deutschland total gefeiert und viele Leute schwärmen davon und wünschen sich das hier auch. Außerdem hat Radfahren in Kopenhagen auch gar nicht dieses Öko-Image anhaften, wie es z.B. hier in Deutschland manchmal noch gesehen wird. In Dänemark fahren die Menschen, weil es einfach bequem und praktisch ist. Gründe wie Umweltschutz und Gesundheit werden eher nachrangig genannt. Das Fahrrad ist einfach ein rundum sozialer Mobilitätsträger, es ist billig, jeder kann es nutzen, es gibt keine sozialen Hürden, denn man kann Fahrräder ja auch günstig gebraucht kaufen. Und gerade in den Städten ist man meistens einfach viel schneller als mit dem Auto, mit der Bahn oder zu Fuß.   

Liebe Hannah, liebe Anna, vielen Dank für das Gespräch! 

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Über den Autor

Fährt gerne: Rennrad, Singlespeed, Lastenrad

Bikes: Koga Miyata GranLux, Kondor Columbus 531, Urban Arrow Family

Lieblings-Radrevier: Frankfurt City, Odenwald

1 Kommentar

  1. ina
    5. November 2018 at 17:35 · Antworten

    Hallo, ich bin bis zur Geburt täglich Fahrrad gefahren. Es war für mich leichter als laufen. Einkäufe mußte ich so auch nicht tragen. Die waren ja in der Gepäck Taschen. Jetzt bin ich, mit meiner Tochter, im Fahrradanhänger unterwegs. (seit dem sie 6 wochen alt war) der macht uns nicht nur mobil, sondern ersätzt für uns auch vollkommen den Kinderwagen.

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