E-Bike-Fahren boomt, scheinbar unaufhaltsam. Gleichermaßen scheint auch der Shitstorm gegenüber dem Elektrofahrrad zu boomen – zumindest, wenn wir uns die (teilweise respektlosen) Kommentare unter unseren Posts in den sozialen Netzwerken anschauen. Doch ist die negative Kritik an E-Bike und zugehörigem Fahrer gerechtfertigt? Sind E-Biker einfach nur zu faul, sich mit einem “normalen” Fahrrad fortzubewegen? Ich war mit meinem Mountainbike in den Bergen unterwegs, habe viele E-Bike-Fahrer angetroffen – und meine ganz eigene E-Bike-Erfahrung gemacht.

Mit Motor und Maillot Jaune

Vergangenes Wochenende strampelte ich einen steilen, kurvigen Pass in den Allgäuer Alpen hinauf, schwitzte, hechelte wie wild und hatte schmerzend müde Oberschenkel – und urplötzlich zog ein dickbauchiger Ruheständler, natürlich im gelben Trikot wie es der Führende der Tour de France trägt, lässig mit seinem E-MTB an mir vorbei, und war schon bald hinter der nächsten Kurve verschwunden. Ich war wütend auf diesen untrainierten E-Biker, der mich scheinbar mühelos überholte und mich stehen ließ, als ob ich zum ersten Mal einen Berg hochfahre.

Meine Wut ließ erst nach, als ich oben angekommen war und mich auf die Terrasse der ansässigen Alm niederließ. Ich entspannte bei einem erfrischenden Radler und dachte über den immer stärker werdenden E-Bike-Boom nach. Vielleicht liegt es auch einfach am Blickwinkel, der die emotionalen Wellen von „normalen“ Radfahrern gegenüber Pedelec-Nutzern hochschlagen lässt?

Die schöne Bewegungsform des Radfahrens

Vorhin am Berg war ich müde und wollte nur noch den Pass erreichen. Klar, dass in diesem Zustand ein Rentner, der locker an einem vorbeiradelt, unschöne Gedanken hervorruft. Aber wusste ich denn, ob der Herr gesund ist? Vielleicht hat er seit Jahren mit Knie- oder anderen lästigen Beschwerden zu kämpfen und erfreut sich einfach an der schönen Bewegungsform des Radfahrens in atemberaubender Landschaft? Und dank eines Elektromotors an seinem edlen Carbonrahmen kann er sein liebes Hobby weiter ausüben. Ist die abneigende Haltung gegenüber E-Bikern respektlos? In gewisser Weise gehören doch jedem der Wald, der schmale Trail in den Bergen und der Radweg am rauschenden Fluss entlang. Da haben doch nicht nur wir, die wir uns mit reiner Muskelkraft fortbewegen, ein Anrecht darauf.

Wenn die körperlichen Kräfte unterschiedlich sind

Während ich weiter an meinem Radler nippte, sah ich, wie ein Radfahrerpaar die letzten Meter des Passes erklomm. Beide in den 60ern, er gut trainiert auf einem MTB (ohne Motor) und seine weibliche Begleitung auf einem E-Bike. Diese Radkombination beispielsweise kann doch auch etwas Positives für eine Partnerschaft haben. Wenn die körperlichen Kräfte bei Mann und Frau unterschiedlich sind, können dennoch beide gemeinsam sportlich aktiv sein und die schönen Erlebnisse teilen.

Gleichermaßen sieht es auch beim wöchentlichen Bikertreff aus. Mit Elektroantrieb können ältere bzw. weniger fitte Personen trotzdem am Spaß des Sports in der Gemeinschaft teilhaben und müssen so nicht der vorauseilenden Gruppe hinterherhecheln oder gar ganz dem Treff fortbleiben.

Auch Fitte mit E-Motor unterwegs

Dann beendete ich meine Pause und stieg voller Vorfreude auf den anstehenden flowigen Singletrail auf mein MTB. In dem Moment schoss ein junger, völlig austrainierter Mann auf seinem MTB an mir vorbei. Aus dem Augenwinkel konnte ich noch den Elektroakku an seinem Bike erkennen, den dieser fitte Athlet sicherlich nicht benötigte. Habe ich eigentlich überhaupt schon mal daran gedacht, dass ein Biken mit Antrieb auch ganz einfach, so simpel es klingt, sehr viel Fun bringen könnte?

Immer auf die Stärkeren: E-Bike Shitstorm im Netz
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